Zwischen Tüdelkram und Wahnsinn, aber auf jeden Fall “Still Number One” – Meine Liebe zu Slut

Bremerhaven (ber). Die Bremerhavener haben eine besondere Beziehung zu Ingolstadt. Vor allem, wenn sie Eishockeyfans sind. Diese Beziehung ist schwer belastet. Warum? Dazu kommen wir später. Aber zum Glück gibt es auch locker-flockige Beziehungen zu den Bayern. Dafür sorgt die Rockband Slut.

Rückblende in den April des Jahres 2002, es ist Playoff-Zeit in der Zweiten Bundesliga: Die Fischtown Pinguins aus Bremerhaven schlagen in einer packenden Eishochey-Finalserie die Panther aus Ingolstadt mit 3:1 Siegen. Freudentaumel überall in der wirtschaftlich so am Boden liegenden Unterweserstadt. Bremerhaven hat sich sportlich für die DEL qualifiziert, träumt von einer glorreichen Zukunft. Ingolstadt weint. Man meint, den Pegel der Donau stetig steigen zu sehen, so sehr kullern die Tränen über die Wangen der Panther-Fans. Ingolstadt war Favorit, ein großer sogar, das Finale gegen die kleinen Bremerhavener nur eine Formsache. Tja, ein typischer Fall von Denkste.

Cool, das kleine Bremerhaven, diese graue Stadt am Weserstrand, hat es allen gezeigt.

Wenige Wochen nach dem Titelgewinn folgte die Ernüchterung. Da die Bremerhavener kein Geld hatten und auch das Stadion den hohen DEL-Ansprüchen nicht gerecht wurde, verzichten die Pinguins auf den Aufstieg – zu Gunsten der Ingolstädter Panther, denen man den Vortritt ließ.

Es ist Sommer 2002, und es begann bei mir eine heiße Hass-Phase. Hass auf Ingolstadt. Na, ich bin ehrlich, es war eher Neid. Ingolstadt hat das, was wir nicht haben. Ingolstadt hat ein Eishockey-Team in der DEL.

Neid kann soooooo weh tun. Neid hinterlässt Narben.

Aber jetzt ist alles vergessen. Ja, Eishockey ist doch nur Eishockey, und dieses monströse Ingolstadt, in dem Saturn, Audi und wer weiß ich noch zu Hause sind, hat doch seine schönen Seiten – wenn man genau hinschaut und hinhört. Und die schönsten Saiten (ahhhh, welch geiles Wortspiel) liegen in den Fingern von Slut.

 

Diese fünf Jungs sind der Wahnsinn. Es muss so vor sechs Jahren gewesen sein, als die Band einen Auftritt im Bremer „Tower“ hatte, einem klitzekleinen Raum, der wenig musikalischen Spaß erahnen ließ. Doch dann folgte der Hammer: Die Musik von Slut schlug in meinem Körper wie eine Spritze Adrenalin. Ehrlicher kann Musik nicht sein, dachte ich damals. Was ich genau damit meinte, kann ich bis heute nicht erklären. Was ist ehrliche Musik? Oder drehen wir die Frage mal um: Gibt es auch unehrliche Musik?

Ich sage auch heute noch, dass die Musik ehrlich ist. Vielleicht meine ich damit, dass man jeden Takt direkt aufsaugen kann, dass jeder Song einen harmonischen Strang hat – von vorne bis hinten. Fest steht: Ich weiß, dass ich die Slut-Musik liebe.

Viele Bands kommen und gehen. Man findet jemanden gut, und schon wenig später werden Erinnerungen an vermeintliche Hits von einer Flutwelle raus aus dem Gehörgang hinein in eine neue Welt, die Welt des unbedeutenden Krams, reingespült. Enfach weg, vergessen, belanglos. Bei Slut ist das anders. Die Band entwickelt sich weiter – von Lied zu Lied, von Album zu Album. Slut steigen auf in immer neuere Höhen, sie kommen dem Himmel so nahe. Und dennoch haben sie den Boden unter den Füßen nicht verloren. Das ist Perfektion. Vielleicht sollte ich anstelle des Wortes Perfektion einen anderen Begriff verwenden: Kunst.

Slut machen Kunst, und ich wäre der Erste, der einen Zuschuss geben würde, wenn es heißt: Baut der Band ein Denkmal.

Mein Gott, der Text liest sich ja so, als ob ich gleich den Boden unter den Füßen verlieren würde – irgendwo zwischen Tüdelkram und Wahnsinn.

Und was ist mit Ingolstadt? Ich finde diese Stadt super.

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